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Inge Neumann - Gesang

"Wenn mich die Leute anstrahlen, wenn sie Freude haben
an meinem Gesang, wenn ich sie glücklich machen kann,
habe ich mein Ziel erreicht."

 

Ich bin 1944 in dem kleinen Dorf Deschen in Ostpreußen geboren. Mein Vater war selbstständiger Dachdeckermeister, meine Mutter half im Betrieb. Ich hatte eine behütete Kindheit. Wir haben Völkerball und Schlagball auf der Straße gespielt, sind im Winter auf dem Teich Schlittschuh gelaufen und im Sommer darin geschwommen. Meine Eltern spielten Geige, Mandoline und Knopfakkordeon und ich bekam mit acht Jahren ein Akkordeon und Musikunterricht. Im Sommer saßen wir vor dem Haus auf dem Rasen und haben Musik gemacht und die Leute aus dem Dorf setzten sich dazu.

1957, als ich dreizehn Jahre war, haben sich meine Eltern scheiden lassen und meine Mutter ist mit mir in den Westen ausgereist. Wir sind per Zug zu allen Verwandten in der BRD gefahren und zuletzt in Krauthausen bei einer Tante geblieben. Dort lebten wir in ärmlichen Verhältnissen. Meine Mutter hatte keine richtige Ausbildung, sie musste in die Fabrik arbeiten gehen, um den Unterhalt für uns zu verdienen. Ich habe mich schwer eingewöhnt. Ich war der "Pimmock", nicht ins Gesicht, aber hinter meinem Rücken, ich habe mich nicht willkommen gefühlt. Ich war halt ganz anders aufgewachsen. Zu Hause galt unter uns Kindern: Einer für alle und alle für einen. Das gab es hier nicht. Nur sehr allmählich fand ich in der Evangelischen Volksschule in Jülich Freundinnen.

Nach der Schulzeit habe ich eine Lehre als Reformhausfachverkäuferin gemacht und anschließend in einer Lebensmittelgroßhandlung gearbeitet. Als in der Zeitung von Musikern, die eine Band gründen wollten, eine Akkordeon-spielerin gesucht wurde, habe ich mich gemeldet und wurde aufgenommen. Drei Jahre lang haben wir samstags und sonntags von 20.00 Uhr bis nachts um 1.00 Uhr Schlager und Tanzmusik gespielt. Wir waren ziemlich bekannt in der Gegend und immer ausgebucht, es gab nicht so viel Konkurrenz wie heute. Meine Mutter hat sich gefreut, dass ich etwas hatte, was mir Spaß machte und hat mich immer unterstützt.

Ich verliebte mich in den Schlagzeuger unserer Band. Als er 1965 zur Bundeswehr musste, haben wir geheiratet. Die Bandmitglieder liefen auseinander. Alle waren ein bisschen traurig, aber auch erleichtert, die Arbeit an den Wochenenden los zu sein. Mein Mann und ich haben in Kirchberg eine Wohnung bezogen und im November eine Tochter bekommen. Drei Jahre lang habe ich monatsweise gejobbt und meine Mutter hat die Tochter versorgt. Damals habe ich nur für Geld gearbeitet, heute verstehe ich das gar nicht mehr. Ich hätte mir Herausforderungen suchen, etwas lernen sollen. Ich weiß heute, dass ich mein Potential nie ausgeschöpft habe. Vielleicht muss man wirklich erst älter werden, um zu begreifen, dass "Müßiggang des Lasters Anfang ist".

Wach geworden bin ich erst nach der Trennung von meinem Mann 1974, ab dann habe ich Schule nachgeholt und mein Fachabitur gemacht. 1976 habe ich bei der Kreisverwaltung Düren angefangen zu arbeiten, habe Lehrgänge besucht und wurde Sachbearbeiterin in der Bußgeldstelle. Es begann eine schöne Zeit. Ich bin mit meiner Tochter in eine Wohnung nach Jülich gezogen. Wir hatten eine tolle Haus-gemeinschaft. Meine Tochter konnte nach der Schule bei einer Nachbarin essen, das ganze Haus hat nach ihr geguckt. Ich konnte beruhigt zur Arbeit gehen. Ich habe viel Tennis gespielt, der Sport hat mir gefallen, auch das Vereinsleben. Geselligkeit war mir damals sehr wichtig. Wenn ein Fest gefeiert wurde, brachte ich mein Akkordeon mit und sang Moritaten, die ich für den Anlass gedichtet hatte. Dadurch war ich oft im Mittelpunkt und fand Bestätigung, die ich nach meiner Ehe in hohem Maße brauchte. Mein Mann hatte oft an mir herumgemäkelt, mich immer zu dick gefunden, und das ist mir lange nachgegangen. Heute kann ich fast nicht glauben, dass mir das damals so weh getan hat.

Nach meiner Ehe hatte ich, wie es heute genannt wird, Lebensabschnittsgefährten. Ich hätte gerne wieder geheiratet und ein Leben zu zweit geführt, aber aus den verschiedensten Gründen sollte das wohl nicht sein. Zu einer schmerzhaften Trennung von einem Mann kamen gesundheitliche Probleme. Ich musste den Tennissport auf-geben und zog mich eine Weile sehr zurück. Ich musste mich sammeln, mich be-sinnen. Die Zeit der Beschäftigung mit mir selbst hat gut getan. Ich habe viel über mich gelernt und weiß jetzt, dass ich mich in den letzten Jahren häufig überfordert habe. Nach einer Zeit der Selbstfindung war ich offen für neue Sachen. Seit 2001 mache ich wieder Musik, zusammen mit einem Kollegen, der die Band "Prosecco Pur" gegründet hat. Ich bin jetzt mit viel Engagement dabei. 2002 haben wir auf dem Jülicher Kunsthandwerkerinnenmarkt gesungen. Der Erfolg, den wir hatten, und der uns zwei weitere Engagements einbrachte, ist eine schöne Bestätigung für uns. Das Singen macht mir Spaß. Ich begegne vielen Menschen. Wenn ich spiele und singe und jemand hat Spaß, dann empfinde ich eine Wahnsinnsfreude. Wenn mich die Leute anstrahlen, wenn sie Freude haben an meinem Gesang, wenn ich sie glücklich machen kann, habe ich mein Ziel erreicht.

Hörproben: Sentimental Journey, Jambalaja, Was ist dran an einem Mann

Kontakt: Inge Neumann, 0 24 61 / 5 66 64


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